Wieder einmal werden die Kriegstrommeln im Nahen Osten gerührt.

Das neue Ziel: Syrien.

 

Ich meine, wir haben schon davon gesprochen. Hin und wieder muss eben ein Krieg stattfinden, damit der Lebensstandard der Länder, die ihre soziale Entwicklung auf den Export des Schwarzen Todes stützen, erhalten bleibt. Präsident Mitterrand vertraute mir einmal an, dass wenn sie keine Waffen verkaufen würden, der Lebensstandard in Frankreich senkrecht nach unten ginge. Und wenn wir „Waffen“ sagen, fügte er hinzu, meinen wir große, dicke, teure, wie Flugzeuge, U-Boote, Panzer, Raketen und natürlich Kugeln, Millionen von Kugeln.

 

- Und auch chemische? fragte ich ihn, denn ich wusste Bescheid.

 - Das kann ich nicht sagen, antwortete er mir mit seinem bekannten ironischen gallischen Lächeln. Schließlich war er es, der sich darum gekümmert hatte, meinen Sohn zu retten, indem er ihn in das weltweit einzigartige, hochmoderne „weltallmäßige“ Militärkrankenhaus von Paris brachte, das eine Zweigstelle jenes Chemielabors war, über das sie damals Saddam im Krieg gegen den Iran mit chemischen Waffen belieferten. Die chemischen Waffen vernichteten die Iraner und all jene, die nicht „wie es sich gehörte“ starben, sondern schwerste Verbrennungen erlitten, die wurden in dieses Krankenhaus gebracht, um von den Wissenschaftlern untersucht zu werden, die diese Chemikalien herstellten. Sie sollten herausfinden, welcher Fehler ihnen bei ihrem Chemie-Cocktail unterlaufen war, dass diese Verwundeten überlebten, wenn sie doch eigentlich hätten sterben „müssen“… Auf diese „humanitäre“ Art und Weise – denn die Ärzte verbesserten gleichzeitig die Behandlungsmethoden von Verbrennungen – verbesserten die Chemiker der Laboratorien des Schwarzen Todes ihre Leistungen! Ich stelle mir die Zufriedenheit der Todes-Wissenschaftler auf Erden mit ihrer jüngste Heldentat vor - die Tausende von Kleinkindern in Syrien - damit der Lebensstandard eines weiteren Bollwerks der Demokratie und der Verteidigung von Frieden und Sicherheit in einer Region von unterentwickelten Völkern erhalten bleiben kann.

  - Mikis Theodorakis: Und wieso, Herr Präsident, sorgen Sie nicht dafür, statt den Tod, den Frieden zu verkaufen? Statt Kugeln Lebensmittel, statt Raketen Kühlschränke, statt  Kanonen Autos, Fernseher, Möbel, Schulen, Bücher, Kleidung, Parfum! Werden Kriege nicht allein wegen des Profits geführt?

- François Mitterrand: Kriege werden geführt, um den Terrorismus, die Nationalismen, die Fanatismen zu bekämpfen.

- M.Th.: Wer sind Sie eigentlich? Die Polizei?

- F.M.: Wieso wir? Der Sicherheitsrat entscheidet.

- M.Th.: Ist das Ihr Ernst? Es gibt doch Staaten, die nicht damit einverstanden sind.

- F.M.: Dann wenden wir uns an die UNO, an die Mehrheit der Nationen.

- M.Th.: Korea, Vietnam, Afrika, Südamerika...Sind nur diese Völker ungezogen? Unterentwickelt? Böse? Und das von Ihnen, einem Franzosen, der aus erster Hand die Freundlichkeit, Zivilisiertheit und Ordnung Hitlerdeutschlands erlebt hat… Hat es eigentlich überhaupt je ein Volk in der gesamten unterentwickelten Welt gegeben, das die Barbarei und die Bestialität auf das Niveau dieses europäischen Landes gebracht hat?

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Dies ereignete sich, als ich den französischen Präsidenten in meinem Haus in Vrachati zu Gast hatte. Wie Sie wissen, habe ich unsere privaten Gespräche nie bekannt gemacht, denn das gehört sich so. Es sind allerdings viele Jahre verstrichen und ich bin der Meinung, dass das Gespräch, das ich hier enthülle, die Erinnerung an den großen Freund nicht schmälert.

Es gibt mir allerdings Anlass, meine Gedanken weiter zu führen vor dem Hintergrund der Kriege, die fast jedes Jahr die immer während selben Staaten da und dort führen: USA, England, Frankreich, Israel und auch Deutschland, das vorsichtig folgt. Was haben diese Staaten gemeinsam? Eine ganze Menge. Ich werde mich allerdings nur auf die Tatsache beziehen, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Kriegsindustrien einen immer größeren Anteil an der Gesamtheit der Produktionsbeziehungen und -kräfte - und folglich auch an den nationalen Haushalten diese Staaten - ausmachten und zwar in einem derartigen Ausmaß, dass, wie Mitterrand sagte, der Lebensstandard des Landes von den Gewinnen aus den Exporten des Schwarzen Todes abhängt.

Doch diese enorm hohe Wichtigkeit der Kriegsindustrie im Leben einer Nation kann sich nicht nur auf den rein wirtschaftlichen Rahmen beschränken. Denn dies frisst sich in vielerlei Hinsicht durch die gesamte Gesellschaft. Und vor allem in psychologischer, ideologischer, politischer und natürlich militärischer; Millionen von Arbeitern in der Kriegsindustrie, ihre Familien, das soziale Umfeld in den Kleinstädten, wo es Standorte gibt. Und die Militärs, deren psychologisches Befinden durch das Gefühl von Macht, Überlegenheit, nationaler Kraft, Gewalt sich erhebt, einer Gewalt die die Grenzen jeglicher Kontrolle überschreitet und unkontrolliert, ungestraft, beherrschend wird. Natürlich beschränkt sich diese Gemütsverfassung nicht nur auf die Militärs, sondern sie durchdringt alle sozialen Schichten und vor allem die Medien und die Wissenschaft. Auch beschränkt sich der wirtschaftliche Nutzen nicht allein auf die wenigen Führenden. Auch dieser verbreitet sich in der gesamten Gesellschaft. Für den Staat geht der Nutzen über die Steuern an die sozialen Bereiche der Wohlfahrt, der Gesundheit, der Bildung und der Forschung. Somit stehen letzten Endes hinter jedem Dollar und jedem Euro eines jeden Bürgers Hunderttausende von Opfern jener Waffen, die die „Zivilisierten“ bauen, um die „Unzivilisierten“ zu vernichten und um aus ihrem Tod und ihrer Zerstörung kolossale Gewinne zu erzielen, bzw. um bequem und zivilisiert zu leben und von oben herab Lektionen über die Respektierung der Menschenrechte und anderes Geschwätz zu erteilen.

Schlussfolgerung: Was ist von einer derartigen Gesellschaft, einer Gesellschaft von Wilden in feinen Anzügen zu erwarten? Der Unterschied zwischen uns Griechen und den Iranern oder Syrern ist geographischer Natur, denn wir befinden uns näher an den Nationen der „Zivilisierten“. Würde man uns bei lebendigem Leibe verbrennen, wie sie es gerade mit Syrien vorhaben, würde der Geruch von verbranntem Fleisch eventuell bis zu ihren Nasen vordringen, und so etwas ist lästig. Da gibt es andere Methoden für Unterentwickelte, die aus Versehen zu Europäern geworden sind, ähnlich Gewinn bringende. 40 Milliarden Euro haben die Deutschen  aus unserer Krise und aus der Krise der anderen Unterentwickelten des Südens gewonnen…

 

Athen, den 29.8.2013

 Mikis Theodorakis